Karriere nach deinem Geschmack
Erfolg ist individuell, genauso wie der Weg dorthin
Finanzielle Sicherheit und Spaß an der Aufgabe als Basis, große Portionen Flexibilität und Sinnhaftigkeit sind ein Muss. Spaß im Team macht den Job schmackhaft und persönliches Wachstum ist das Sahnehäubchen. Wäre das nicht schön, wenn wir uns ein Karriere-Menü so unkompliziert zusammenstellen könnten wie Tapas? Ganz so einfach ist es leider nicht, aber we are getting there.
Vorweg erst mal die Frage: Was ist überhaupt Karriere? „Karriere war für mich lange Zeit ein Bild von etwas sehr Überwältigendem“, erzählt Cornelia. Die 25-Jährige studiert Internationale Entwicklung im Master an der Uni Wien. Sie benennt Karriere als „großes Kapitel“, in das man sehr viel Zeit seines Lebens investiert. Das klingt erst einmal unheimlich und erzeugt Druck. „Studierende reden kaum mehr vom Begriff Karriere“, bestätigt auch Daniela Wittinger, die in ihrer Tätigkeit als Beraterin bei Uniport mit vielen Berufseinsteiger*innen spricht. Die meisten suchen vor allem nach Sinnhaftigkeit, Flexibilität, einem guten Team und dem richtigen Match.
Was ist Erfolg?
Schritt für Schritt die Karriereleiter hochklettern, Chef*in sein und so viel Geld wie möglich verdienen? Für viele uninteressant. Auch wenn sich bei dem Thema die Generationengeister scheiden. Wittinger erzählt von einer Studentin, die meinte: „Ich will nicht 30 Jahre dasselbe machen, das ist doch langweilig.“
Auch Lana (22) kann hier nur zustimmen. Sie studiert Internationale Rechtswissenschaften und kann sich einen klassisch juristischen Job vorstellen. Wichtig dabei: Abwechslung. „Ich glaube, als Anwältin oder Richterin erlebt man wirklich jeden Tag Unterschiedliches. Genau das finde ich spannend an dem Feld“, meint sie. Lana sieht es
als Vorteil, dass sie nach einem abgeschlossenen juristischen Studium direkt für eine Berufsgruppe qualifiziert ist. Es erleichtert den Einstieg und gibt Sicherheit, selbst wenn sie sich schlussendlich für etwas ganz anderes entscheiden würde. Bei Cornelia ist der Weg weniger vorgezeichnet. Die meisten geistes- und sozialwissenschaftlichen Studien schließen nicht mit einem klassischen Berufsbild ab, sondern bieten danach eine breite Auswahl an Möglichkeiten. Das hat zur Folge, dass eine der häufigsten Fragen in Daniela Wittingers Beratungen ist: „Und was kann ich jetzt damit machen?“ Der Wunsch nach Orientierung ist groß. „Studierende sind gewillt, vielfältige Erfahrungen zu machen, fühlen sich von den Möglichkeiten aber oft erschlagen“, so Wittinger. Denn wie stückelt man sich denn nun die ideale Karriere zusammen?
Schritt eins: Sich bewusst machen, was ein Job unbedingt bieten sollte und was No-Gos sind, die nicht infrage kommen. Was für eine Person funktioniert, kann für eine andere keinen Sinn ergeben. Karrieren sind individuell. Wie Geschmäcker.
Cornelia sucht im Job vor allem eine erfüllende Tätigkeit, die ihr Spaß macht. Das Team soll passen, das Gehalt natürlich auch – aber Geld sieht sie eher als „Mittel zum Zweck“. Sie hat dabei keine Angst vor viel Arbeit, solange es verhältnismäßig bleibt: „Wie bei allem im Leben gibt es öfter stressige Phasen, aber die sollten nicht mein Leben, meine Gefühlslage und alle meine Emotionen vereinnahmen“, meint sie. 40 Stunden pro Woche zu arbeiten, ist sowieso nichts, was Cornelia anstrebt.
Auch Juristin Lana würde persönlichen Erfolg im Berufsleben als bewegliches System beschreiben. Die Tätigkeit soll Spaß machen, aber Anerkennung der eigenen Leistung in Form von finanziellen Anreizen ist ihr ebenso wichtig. Auch Phasen mit mehr Arbeit für eine Sache, die ihr etwas bedeutet, kann Lana sich vorstellen, solange diese nicht zum Dauerzustand werden.
Daniela Wittinger bestätigt, dass Work-Life-Balance von vielen Studierenden als Grundvoraussetzung genannt wird, wobei sich die Situation mehr in Richtung Work-Life-Integration verschiebt. Zwar ist vielen die Trennung zwischen beruflich und privat sehr wichtig, Arbeit soll aber als Bestandteil des Lebens Sinn und Freude machen.
Individualität trifft starre Strukturen
Ein Ansatz, der für hohe Motivation spricht. Wieso wird die Generation Z am Arbeitsmarkt dann oft so missverstanden? Wittinger erklärt: „Die hohe Individualisierungserwartung, die viele Berufseinsteiger*innen mitbringen, trifft teils auf starre Strukturen in Unternehmen.“ Home-Office und flexible Arbeitszeiten sind für viele Grundvoraussetzung,
und zwar nicht aus Faulheit, sondern aus dem Wunsch heraus, vielseitig, individuell und angepasst an eigene Bedürfnisse zu arbeiten. Daniela Wittinger nennt das „Job-Crafting“: Der Job muss ins Leben passen und nicht umgekehrt. Wenn der Rahmen von außen so eng gesetzt wird, dass keine Selbstverwirklichung mehr möglich ist, führt das
schnell zu Frust. Denn auch, wenn das in der öffentlichen Wahrnehmung oft anders interpretiert wird: Die Generation Z hat sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Eine Studentin spricht vom Dreiklang der Erwartungen: erstens von der Gesellschaft, zweitens von der Familie und drittens vom Über-Ich. Wer allen gerecht werden will, erlebt oft Unsicherheit und Ängste.
Wertschätzung vor Bonus
Menschliche Wertschätzung in Form von Akzeptanz, Vertrauen und wertschätzendem Umgang wiegt für Neulinge am Arbeitsmarkt oft mehr als eine Beförderung. Führungskraft werden ist nämlich für die wenigsten das oberste Ziel. Teamleiter*innen aus anderen Generationen haben dafür oft (noch) zu wenig Verständnis, was zu Generationenkonflikten führt, die mit Kommunikation aus dem Weg geräumt werden könnte.
Was wäre also Peak-Erfolg? Sicher nicht Prestige, ein Eckbüro und ein Firmenauto, eher das anfangs schon erwähnte Perfect Match. Natürlich ist das Gehalt ebenfalls ein Faktor, aber in Bezug auf finanzielle Sicherheit in unsicheren Zeiten und nicht für die Anhäufung von Reichtum und Luxus. Aber laut den Erfahrungen der Uniport-Beraterinnen suchen die meisten nach einer Aufgabe, die genau zu ihnen passt. Die genau den eigenen Kompetenzen und Potenzialen entspricht. Zugegeben, eine große Portion Idealismus mischt sich hier auch rein, die wird nach den ersten Berufserfahrungen von Pragmatismus eingeholt. Der ist aber nicht immer schlecht, er lässt einen Prioritäten erkennen und richtig setzen. „Ich weiß jetzt, nach einigen Erfahrungen, schon viel mehr und habe ein realistischeres Bild von dem, was ich machen möchte“, meint Lana. Es gibt zwar das (wahre) Klischee der super ehrgeizigen Jus-Studierenden, die im ersten Semester schon wissen, dass sie M&A in der Großkanzlei machen wollen, die meisten
probieren aber zuerst aus, was ihnen liegt. Laut einer Studie von Deloitte ist die Wechselbereitschaft bei Berufseinsteiger*innen viel höher als in der Generation davor. So wie Cornelia aktuell noch am „Job-Hoppen“ ist, um immer wieder Veränderung, neue Challenges und Learnings zu gewinnen. Und zwar auch in Bezug darauf, was man nicht möchte.
Lana erzählt, dass ihre persönliche Grenze ein toxisches Arbeitsumfeld wäre. Auch Cornelia bestätigt: „Ein absolutes No-Go für mich wäre, wenn ich mich im Team nicht wohlfühle. Das könnte der Traumjob sein, aber wenn ich mich mit Kolleg*innen nicht verstehe, wird’s schwierig. Oder wenn ich gar keinen Spaß habe und mir nur denke: Warum
bin ich hier?“ Zwischenmenschliches sowie mentale Gesundheit und der offene Umgang damit ist für die Generation Z selbstverständlich.
Die Zukunft: Portfolio-Karrieren
Cornelia ist außerdem kein Büromensch und überlegt, ihr Berufsleben auf verschiedenen Standbeinen aufzubauen – zum Beispiel mit einer Tätigkeit als Yoga-Lehrerin. Eine Entwicklung, die Daniela Wittinger immer öfter beobachtet und auch für die Zukunft prognostiziert. „Meine Vermutung ist, dass es die klassische Karriere in zehn Jahren noch weniger geben wird und Portfolio-Karrieren üblicher werden.“ Gemeint ist, dass man seine Kompetenzen für Unterschiedliches verwendet, projektbasierter arbeitet und Teilzeitjobs und Selbstständigkeit parallel verfolgt. Ein Ansatz, der für Lana schon jetzt plausibel klingt. Sie sagt: „Ich glaube, dass man im juristischen Bereich breit aufgestellt ist. Von internationalen Organisationen wie der UNO bis zu Kanzleien oder dem öffentlichen Dienst – ideal wäre, das Beste aus allem zu kombinieren."
Wie bei Tapas eben.
Dieser Artikel ist zuerst in unserem Karrieremagazin Rise erschienen.
Autorin: Anna Gugerell